Es zeigt sich, dass die Ausleger, nachdem die Lehre von der immerwährenden Jungfräulichkeit Marias allmählich bekräftigt worden war, spezifische Lesarten der Evangelienstellen über die „Brüder und Schwestern“ Jesu entwickelten, um ein mit dieser Überzeugung vereinbares Verständnis vorzuschlagen. Diese Auslegungen, obwohl sie sich auf bestimmte reale sprachliche und kulturelle Argumente stützen, gehören zu einem Vorgehen theologischer Harmonisierung, das dazu neigt, die Lektüre des Textes zu lenken.
In dieser Perspektive ist die Vorstellung zu relativieren, die relative Unbestimmtheit der Evangelienangaben habe für sich allein die Vielfalt der Auslegungen in den christlichen Traditionen hervorgebracht. Auch wenn diese Unbestimmtheit tatsächlich mehrere Lesarten ermöglicht hat, scheint es doch auch, dass sich einige von ihnen in einem bereits gebildeten doktrinären Rahmen entwickelten, der ihre Ausrichtung beeinflusst hat.
Diese Positionen beruhen somit nicht allein auf einer unmittelbaren Analyse der Texte, sondern gehören zu umfassenderen theologischen Konstruktionen. Es ist daher notwendig, sie darzustellen und dabei sorgfältig ihre Grundlagen zu unterscheiden, um zu trennen, was zur Textexegese gehört und was aus doktrinärer Ausarbeitung hervorgeht.
1- Die protestantische Position
Die protestantische Tradition bevorzugt im Allgemeinen eine wörtliche und direkte Lesart der Evangelien. In dieser Perspektive werden die „Brüder und Schwestern“ Jesu als Mitglieder einer leiblichen Geschwisterschaft verstanden, als Kinder von Maria und Josef.
Diese Position beruht auf mehreren Elementen:
die gewöhnliche Bedeutung des Begriffs adelphos, verstanden als „Bruder“ im strengen Sinn;
das Fehlen ausdrücklicher Hinweise in den Evangelientexten, die eine andere Beziehung nahelegen;
der Wille, sich an das zu halten, was der Text aussagt, ohne Auslegungen aus späteren Überlieferungen hinzuzufügen.
In diesem Ansatz werden Stellen wie Matthäus 13.55-56 oder Markus 6.3 in ihrem natürlichsten Sinn gelesen. Die „Brüder“ erscheinen dort als Teil eines gewöhnlichen familiären Rahmens.
Es ist allerdings anzumerken, dass diese Lesart, auch wenn sie sich als streng textbezogen darstellt, ebenfalls auf einer hermeneutischen Entscheidung beruht: derjenigen, den Wortsinn des Griechisch der Evangelien gegenüber möglichen semitischen kulturellen Einflüssen zu bevorzugen.
2- Die katholische Position
Die katholische Tradition bekräftigt die Lehre von der immerwährenden Jungfräulichkeit Marias, nach der Maria vor, während und nach der Geburt Jesu Jungfrau geblieben ist. In diesem Rahmen können die „Brüder und Schwestern“ Jesu nicht als Kinder Marias verstanden werden.
Es wurden mehrere Auslegungen vorgeschlagen, um den Texten Rechnung zu tragen:
Identifizierung der „Brüder“ als Cousins oder nahe Verwandte;
Rückgriff auf den erweiterten Gebrauch des Begriffs „Bruder“ im semitischen Kontext;
Annäherungen zwischen bestimmten in den Evangelien genannten Gestalten, um indirekte Familienbande vorzuschlagen.
Diese Position stützt sich sowohl auf exegetische Argumente (Flexibilität des Vokabulars, kultureller Kontext) als auch auf die Kontinuität der kirchlichen Überlieferung. Die Lehre selbst gehört zu einem umfassenderen theologischen Nachdenken über die Person Marias und ihre Rolle in der Heilsgeschichte.
Aus methodologischer Sicht ist zu betonen, dass diese Lesart nicht allein aus den isoliert genommenen Evangelientexten hervorgeht, sondern aus einem kohärenten Ganzen, das Schrift, Überlieferung und theologische Auslegung verbindet.
3- Die Position der orthodoxen Kirchen
Die orthodoxen Kirchen nehmen im Allgemeinen eine mittlere Position ein, indem sie die „Brüder“ Jesu als Halbbrüder aus einer früheren Ehe Josefs identifizieren.
Diese Auslegung erlaubt es:
die Erwähnungen der „Brüder“ in den Evangelien ernst zu nehmen;
die Jungfräulichkeit Marias zu wahren;
sich auf alte Überlieferungen zu stützen, die in einigen nichtkanonischen christlichen Schriften enthalten sind.
Wie im Fall der katholischen Position geht diese Lesart über die textlichen Daten allein hinaus und gehört zu einer umfassenderen Auslegungstradition.
4- Unterscheidung zwischen Exegese und Dogma
Die Untersuchung dieser verschiedenen Positionen macht eine wesentliche Unterscheidung deutlich, nämlich die zwischen cdem, was die Texte zu behaupten erlauben, und dem, was die Überlieferungen daraus ableiten.
Die Exegese, verstanden als Analyse der Texte in ihrem Kontext, stellt die Existenz von „Brüdern und Schwestern“ Jesu fest, ohne die genaue Art ihrer Verwandtschaft zu bestimmen.
Die konfessionellen Lehren hingegen schlagen Auslegungen vor, die zu umfassenderen theologischen Systemen gehören und auf spezifische Anliegen antworten.
So rührt die Divergenz zwischen der protestantischen, der katholischen und der orthodoxen Position nicht allein von einer unterschiedlichen Lesart der Texte her, sondern auch von unterschiedlichen hermeneutischen Rahmen:
Vorrang des Wortsinns des Textes;
Berücksichtigung der Überlieferung;
Zusammenhang von Schrift und Lehre.
Zwischenergebnis
Die konfessionellen Auslegungen der „Brüder und Schwestern“ Jesu veranschaulichen, wie ein und dieselbe textliche Angabe je nach theologischen Voraussetzungen und Auslegungsmethoden zu unterschiedlichen Lesarten führen kann.
Diese Vielfalt stellt die Wirklichkeit der Evangelienerwähnungen nicht in Frage, unterstreicht aber die Grenzen der streng historischen Untersuchung. Sie bestätigt die Notwendigkeit, klar zwischen dem zu unterscheiden, was zu den textlichen Daten gehört, und dem, was zu ihrer doktrinären Auslegung zählt.
Nun gilt es, eine kritische Zusammenfassung vorzulegen, die es erlaubt, die tragfähigsten Elemente der Analyse herauszuarbeiten und zugleich die Grenzen anzuerkennen, die dieser Art von Studie innewohnen.