Die Steinigung
Die Steinigung des Stephanus (Apostelgeschichte 7.57-60) ist das erste christliche Martyrium, das in der Apostelgeschichte ausführlich berichtet wird. Diese Episode wirft mehrere historische und juristische Fragen auf.
1- Eine Hinrichtung außerhalb der Stadt
Lukas hebt hervor, dass Stephanus vor der Steinigung aus der Stadt hinausgeschleppt wurde (Apostelgeschichte 7.58). Dieses Detail entspricht der traditionellen jüdischen Praxis, nach der Hinrichtungen außerhalb des Lagers oder der Stadt stattfinden mussten (3. Mose 24.14 ; 4. Mose 15.35-36).
Dieser Gang aus Jerusalem hinaus erinnert auch an den Tod Jesu, der außerhalb der Mauern gekreuzigt wurde (Hebräer 13.12).
2- Wie ging eine Steinigung vor sich?
Die spätere rabbinische Literatur, namentlich die Mischna (Traktat des Hohen Rates), beschreibt ein verhältnismäßig festgelegtes Verfahren:
- Der Verurteilte wurde aus der Stadt hinausgeführt.
- Er wurde von einer beträchtlichen Höhe hinabgestürzt.
- Führte der Sturz nicht zum Tod, warf ein erster Zeuge einen großen Stein auf seine Brust.
- Lebte das Opfer noch, beteiligte sich die Versammlung an der Steinigung.
Es ist allerdings nicht sicher, dass dieses Verfahren im Fall des Stephanus eingehalten wurde. Der Bericht des Lukas vermittelt eher den Eindruck einer im Zorn überstürzten Hinrichtung.
3- Die Rolle der Zeugen
Lukas hält fest:
„Die Zeugen legten ihre Kleider zu den Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß“ (Apostelgeschichte 7.58).
Dieses Detail ist besonders interessant. Nach dem Gesetz mussten die Zeugen die Ersten sein, die das Urteil vollstreckten (5. Mose 17.6-7). Damit waren sie in ihrer Verantwortung gefordert.
Das Ablegen der Kleider verschaffte wahrscheinlich mehr Bewegungsfreiheit beim Werfen der Steine.
4- Saulus von Tarsus tritt zum ersten Mal auf
Der junge Saulus, der spätere Apostel Paulus, billigte diese Tötung (Apostelgeschichte 8.1). Er scheint nicht unmittelbar an der Steinigung beteiligt gewesen zu sein, war aber zumindest ein zustimmender Zeuge.
Dieses erste Auftreten des Saulus ist bedeutungsschwer. Derjenige, der beim Tod des ersten Märtyrers zugegen ist, wird später der große Missionar der Völker werden.
5- Eine Szene, die an den Tod Jesu erinnert
Lukas zieht bewusst mehrere Parallelen zwischen Jesus und Stephanus:
| Jesus |
Stephanus |
| Befiehlt seinen Geist dem Vater (Lukas 23.46) |
Befiehlt seinen Geist dem Herrn Jesus (Apostelgeschichte 7.59) |
| Vergibt seinen Henkern (Lukas 23.34) |
Betet für seine Mörder (Apostelgeschichte 7.60) |
| Stirbt außerhalb der Stadt |
Stirbt außerhalb der Stadt |
| Zu Unrecht verurteilt |
Zu Unrecht getötet |
Stephanus erscheint so als der erste Jünger, der seinen Meister bis in den Tod nachahmt.
6- Eine rechtmäßige Hinrichtung oder ein Lynchmord?
Das ist eine der großen historischen Fragen.
Lukas erwähnt:
- keine abschließende Beratung;
- kein offizielles Urteil;
- keine römische Genehmigung.
Die plötzliche Gewalt der Mitglieder des Hohen Rates nach der Vision des Stephanus (Apostelgeschichte 7.55-57) deutet eher auf eine Hinrichtung im Schnellverfahren oder einen kollektiven Lynchmord als auf eine ordentliche Verurteilung hin.
7- Ein Tod, der eine Wende markiert
Paradoxerweise setzt der Tod des Stephanus dem Fortschreiten des Evangeliums kein Ende.
Im Gegenteil: Die darauf folgende Verfolgung führt zur Zerstreuung der Gläubigen aus Jerusalem (Apostelgeschichte 8.1-4). So beginnt die konkrete Erfüllung des Programms, das Jesus in Apostelgeschichte 1.8 angekündigt hat:
- Jerusalem (Apostelgeschichte 1–7);
- Judäa und Samarien (Apostelgeschichte 8–12);
- bis an die Enden der Erde (Apostelgeschichte 13–28).
8- Eine letzte Bemerkung
Die Steinigung des Stephanus ist der tragische Beweis seiner Rede. Er hatte soeben seinen Zeitgenossen vorgeworfen, die Verfehlungen ihrer Vorfahren zu wiederholen, indem sie die Gesandten Gottes verwarfen (Apostelgeschichte 7.51-53). Indem seine Gegner ihn wenige Augenblicke später töten, bestätigen sie unfreiwillig die Wahrheit seiner Worte. Das Ereignis selbst wird so zum lebendigen Schluss seiner Anklage.