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Anklagerede gegen die religiösen Führer

Im Vorhof des Tempels in Jerusalem hält Jesus am Mittwoch vor seiner Passion eine scharfe Anklagerede gegen die Schriftgelehrten und die Pharisäer. In acht Weherufen – ‚Wehe euch!‘ – prangert er ihre Heuchelei, ihren Stolz und ihre bloße Fassadenreligion an und bringt zugleich tiefen Schmerz über Jerusalem zum Ausdruck. Er ruft seine Jünger zu einem echten, demütigen Glauben auf, der anderen dient.

11 min Anklagerede Pharisäer Heuchelei Weherufe Schriftgelehrte 15 Verse 13 Bücher

Weiterführende Lektüre

Bibeltexte

Matthäus
Matthäus 23.1-39 ( 1912)

Da redete Jesus zu dem Volk und zu seinen Jüngern

und sprach: Auf Mose's Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer.

Alles nun, was sie euch sagen, daß ihr halten sollt, das haltet und tut's; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht tun: sie sagen's wohl, und tun's nicht.

Sie binden aber schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals; aber sie selbst wollen dieselben nicht mit einem Finger regen.

Alle ihre Werke aber tun sie, daß sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Denkzettel breit und die Säume an ihren Kleidern groß.

Sie sitzen gern obenan über Tisch und in den Schulen

und haben's gern, daß sie gegrüßt werden auf dem Markt und von den Menschen Rabbi genannt werden.

Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister, Christus; ihr aber seid alle Brüder.

Und sollt niemand Vater heißen auf Erden, denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist.

Und ihr sollt euch nicht lassen Meister nennen; denn einer ist euer Meister, Christus.

Der Größte unter euch soll euer Diener sein.

Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht.

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließet vor den Menschen! Ihr kommt nicht hinein, und die hinein wollen, laßt ihr nicht hineingehen.

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr der Witwen Häuser fresset und wendet lange Gebete vor! Darum werdet ihr desto mehr Verdammnis empfangen.

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Land und Wasser umziehet, daß ihr einen Judengenossen macht; und wenn er's geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr denn ihr seid!

Weh euch, verblendete Leiter, die ihr sagt: “Wer da schwört bei dem Tempel, das ist nichts; wer aber schwört bei dem Gold am Tempel, der ist's schuldig.”

Ihr Narren und Blinden! Was ist größer: das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt?

“Wer da schwört bei dem Altar, das ist nichts; wer aber schwört bei dem Opfer, das darauf ist, der ist's schuldig.”

Ihr Narren und Blinden! Was ist größer: das Opfer oder der Altar, der das Opfer heiligt?

Darum, wer da schwört bei dem Altar, der schwört bei demselben und bei allem, was darauf ist.

Und wer da schwört bei dem Tempel, der schwört bei demselben und bei dem, der darin wohnt.

Und wer da schwört bei dem Himmel, der schwört bei dem Stuhl Gottes und bei dem, der darauf sitzt.

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr verzehntet die Minze, Dill und Kümmel, und laßt dahinten das Schwerste im Gesetz, nämlich das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Dies soll man tun und jenes nicht lassen.

Ihr verblendeten Leiter, die ihr Mücken seihet und Kamele verschluckt!

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln auswendig reinlich haltet, inwendig aber ist's voll Raubes und Fraßes!

Du blinder Pharisäer, reinige zum ersten das Inwendige an Becher und Schüssel, auf das auch das Auswendige rein werde!

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totengebeine und alles Unflats!

Also auch ihr: von außen scheint ihr den Menschen fromm, aber in wendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr der Propheten Gräber bauet und schmücket der Gerechten Gräber

und sprecht: Wären wir zu unsrer Väter Zeiten gewesen, so wollten wir nicht teilhaftig sein mit ihnen an der Propheten Blut!

So gebt ihr über euch selbst Zeugnis, daß ihr Kinder seid derer, die die Propheten getötet haben.

Wohlan, erfüllet auch ihr das Maß eurer Väter!

Ihr Schlangen und Otterngezücht! wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?

Darum siehe, ich sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte; und deren werdet ihr etliche töten und kreuzigen, und etliche werdet ihr geißeln in ihren Schulen und werdet sie verfolgen von einer Stadt zu der anderen;

auf daß über euch komme all das gerechte Blut, das vergossen ist auf Erden, von dem Blut des gerechten Abel an bis auf das Blut des Zacharias, des Sohnes Berechja's, welchen ihr getötet habt zwischen dem Tempel und dem Altar.

Wahrlich ich sage euch, daß solches alles wird über dies Geschlecht kommen.

Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!

Siehe, euer Haus soll euch wüst gelassen werden.

Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN!

Markus
Markus 12.38-40 ( 1912)

Und er lehrte sie und sprach zu ihnen: Sehet euch vor vor den Schriftgelehrten, die in langen Kleidern gehen und lassen sich gern auf dem Markte grüßen

und sitzen gern obenan in den Schulen und über Tisch beim Gastmahl;

sie fressen der Witwen Häuser und wenden langes Gebet vor. Diese werden desto mehr Verdammnis empfangen.

Lukas
Lukas 20.45-47 ( 1912)

Da aber alles Volk zuhörte, sprach er zu seinen Jüngern:

Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die da wollen einhertreten in langen Kleidern und lassen sich gerne grüßen auf dem Markte und sitzen gern obenan in den Schulen und über Tisch;

sie fressen der Witwen Häuser und wenden lange Gebete vor. Die werden desto schwerere Verdammnis empfangen.

Johannes
Johannes ( 1912) im Buch nicht erwähnt

Technische Einzelheiten

Jahr 33 n. Chr.

Ort: Der Vorhof des Tempels von Jerusalem

Datum: Mittwoch, 30. März 33 n. Chr.

Vorgehen: Wir fahren mit Markus fort

Hinweis zum Vorgehen: Matthäus und Lukas berichten ebenfalls von dieser Rede

Karte von Jerusalem und Umgebung
Balkendiagramm Mittwoch

Der Messias Jesus wird eine lange Anklagerede gegen die halten.

Kommentare

Der Text von Matthäus 23 bildet gleichsam den Abschluss der Auseinandersetzungen zwischen dem Messias Jesus und den religiösen Autoritäten. Nachdem er ihre zahlreichen Angriffe beantwortet hat, wendet sich der Meister nun unmittelbar an das Volk und an seine Jünger, um sie zu warnen: Setzt euer Vertrauen nicht in irgendeinen religiösen Führer, auch wenn er sich als Gesetzeslehrer ausgibt. Jesus prangert eine Religion an, die auf dem äußeren Schein beruht und nicht auf der Aufrichtigkeit des Herzens.

In acht Weherufen, die mit den Worten wiederholt werden: „ Wehe euch, ihr Gesetzeskundigen!“ – mit einer einzigen Abwandlung: „Wehe euch , ihr blinden Führer !“, erhebt der Messias Jesus eine strenge, aber gerechte Anklage gegen die geistlichen Führer seiner Zeit.

Matthäus 23.1-39 bietet davon eine besonders ausführliche Fassung und zählt die Verfehlungen der Schriftgelehrten und der auf. Warum nimmt er Letztere so direkt ins Visier? Weil die der Theorie nach dem Denken des Messias am nächsten stehen sollten: Als Hüter des Gesetzes und Verteidiger des Glaubens sollten sie das Volk zu Gott führen.

Doch im Lauf der Generationen haben ihre menschlichen Überlieferungen und ihre vielfältigen Auslegungen das Wort Gottes schließlich entstellt.

Stolz auf ihr Wissen, verweigerten sie jede Infragestellung und waren unfähig, ihre Irrtümer zu erkennen. Die zutreffenden und wohlwollenden Bemerkungen des Meisters verstärkten nur ihren Widerstand, bis sie sogar seinen Tod planten.

In Matthäus 23.1-39, Markus 12.38-40 und Lukas 20.45-47 macht der Messias Jesus diese Heuchelei deutlich. Er erkennt ihre Autorität als Lehrer an, denn sie sitzen auf dem Stuhl des Mose, warnt aber davor, ihre Werke nachzuahmen:

Matthäus 23.3 ( 1912) :
Alles nun, was sie euch sagen, daß ihr halten sollt, das haltet und tut's; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht tun: sie sagen's wohl, und tun's nicht.

Die suchen Ehre, Ehrenplätze und öffentliche Begrüßungen und vernachlässigen dabei die wesentlichen Grundpfeiler des Gesetzes: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue (Matthäus 23.23).

Der Messias Jesus deckt ein Herz auf, das sich religiös gibt und doch fern von Gott ist: „ W e he eu ch!“ wiederholt er immer wieder und prangert ihren Stolz und ihre Härte an, ihre Neigung, anderen geistliche Lasten aufzubürden, die sie selbst nicht tragen. Sie ehren die Gräber der Propheten, wandeln aber im selben Ungehorsam wie ihre Vorfahren.

In Markus 12.38-40 und Lukas 20.45-47 fügt Jesus hinzu, dass sie die Häuser der Witwen verschlingen und lange Gebete sprechen, um fromm zu erscheinen, und so einen eigennützigen Glauben ohne innere Wahrheit offenbaren. Er ruft seine Zuhörer zur Vorsicht und zu wahrer Demut auf:

Matthäus 23.11 ( 1912) :
Der Größte unter euch soll euer Diener sein.

Schließlich, angesichts des anhaltenden Unglaubens seines Volkes, lässt der Messias Jesus seinem Schmerz freien Lauf und weint über Jerusalem:

Matthäus 23.37 ( 1912) :
Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!

Seine Worte kündigen das kommende Gericht an, aber auch die Hoffnung:

Matthäus 23.39 (Lutherbibel 1912) :
Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN!
).

So offenbaren diese Texte zugleich den heiligen Zorn des Messias über die religiöse Heuchelei und die Tiefe seiner Liebe zu einem Volk, das er noch immer retten will. Jesus ruft nicht dazu auf, das Gesetz zu verwerfen, sondern es in Wahrheit zu leben, mit einem reinen und liebenden Herzen, indem man Gott und den anderen in Demut dient.