Lukas hat das literarische Porträt des Stephanus offensichtlich sorgfältig gestaltet und dabei mehrere wesentliche Züge hervorgehoben, die dazu beitragen, ihn zu einer der markantesten Gestalten der Anfänge der Kirche zu machen.
Literarisches Porträt des Stephanus
Stephanus nimmt in der Apostelgeschichte einen verhältnismäßig kurzen Raum ein, doch sein Porträt ist besonders ausgearbeitet. Auf nur zwei Kapitel (Apostelgeschichte 6-7) macht Lukas Stephanus zu einer Hauptgestalt der Anfänge der Kirche und stellt ihn als den ersten christlichen Märtyrer dar. Seine Darstellung ist sorgfältig aufgebaut und offenbart mehrere wesentliche Merkmale.
Ein Mann, erwählt wegen seiner geistlichen Eigenschaften
Stephanus erscheint zum ersten Mal bei der Einsetzung der Sieben (Apostelgeschichte 6.1-6). Sein Name steht an der Spitze der Liste, was vermuten lässt, dass er unter seinen Gefährten eine gewisse Vorrangstellung genoss.
Lukas beschreibt ihn als „einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes“ (Apostelgeschichte 6.5). Diese Formulierung erinnert an die Porträts des Barnabas (Apostelgeschichte 11.24) oder der Apostel selbst und unterstreicht, dass die wahre Autorität in der Kirche nicht auf der gesellschaftlichen Stellung beruht, sondern auf dem Wirken des Heiligen Geistes.
Ein Mann voller Gnade und Kraft
Lukas bereichert dieses Porträt dann durch die Aussage, Stephanus sei „voll Gnade und Kraft“ gewesen (Apostelgeschichte 6.8). Dieser Ausdruck erinnert an das Wirken Jesu selbst, der als in Kraft unter dem Volk handelnd beschrieben wird (Lukas 4.14; Apostelgeschichte 2.22).
Stephanus ist also nicht bloß ein Verwalter, der die materiellen Bedürfnisse der Gemeinde zu versorgen hat. Er erscheint auch als Prediger und als Werkzeug der göttlichen Kraft, der „große Wunder und Zeichen unter dem Volk“ tat (Apostelgeschichte 6.8). Sein Dienst geht damit weit über die ihm ursprünglich anvertrauten Aufgaben hinaus.
Ein Mann, den seine Gegner nicht widerlegen können
Die Mitglieder der der Diaspora lassen sich mit ihm in Streitgespräche ein, doch „sie vermochten der Weisheit und dem Geist, aus dem er redete, nicht zu widerstehen“ (Apostelgeschichte 6.10).
Wie Jesus vor ihm (Lukas 20.26) und wie die Apostel (Apostelgeschichte 4.13) triumphiert Stephanus im Streitgespräch. Seine Autorität stammt weder aus seiner gesellschaftlichen Stellung noch aus einer anerkannten rabbinischen Ausbildung, sondern aus dem Wirken des Heiligen Geistes.
Ein zu Unrecht angeklagter Gerechter
Da sie ihm nichts entgegnen können, greifen seine Gegner zu falschem Zeugnis (Apostelgeschichte 6.11-13). Dieses Vorgehen erinnert unmittelbar an den Prozess Jesu (Markus 14.55-59).
Lukas stellt Stephanus somit als einen Unschuldigen dar, der Opfer eines Justizkomplotts wird. Sein Porträt fügt sich in die biblische Tradition des verfolgten Gerechten ein, die schon durch Josef (1. Mose 39), Jeremia (Jeremia 26) oder den leidenden Knecht des Jesaja (Jesaja 53.7) veranschaulicht wird.
Ein von der Gegenwart Gottes erfüllter Mann
Als er vor dem erscheint, „sahen alle, die im Rat saßen, auf ihn und sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht“ (Apostelgeschichte 6.15).
Diese außergewöhnliche Beschreibung deutet auf eine besondere Nähe zu Gott hin. Sie erinnert an das Strahlen des Angesichts Moses nach seinen Gesprächen mit dem Herrn (2. Mose 34.29-35) und kündigt bereits die himmlische Vision an, die Stephanus kurz vor seinem Tod empfangen wird (Apostelgeschichte 7.55-56).
Ein Ausleger der Heilsgeschichte
Die lange Rede in Kapitel 7 ist die bedeutendste Rede der Apostelgeschichte. Stephanus zeichnet darin die gesamte Geschichte Israels von Abraham bis Salomo nach (Apostelgeschichte 7.2-50).
Seine Deutung hebt ein Hauptthema hervor: Die Gesandten Gottes wurden von ihrem eigenen Volk beständig verworfen. Josef wurde von seinen Brüdern verworfen (Apostelgeschichte 7.9), Mose von Israel (Apostelgeschichte 7.27,35), die Propheten wurden verfolgt (Apostelgeschichte 7.52) und Jesus selbst wurde dem Tod überliefert (Apostelgeschichte 7.52).
Stephanus erscheint somit als Theologe der Heilsgeschichte und als der erste christliche Ausleger der Schriften in der Apostelgeschichte.
Ein neuer Mose
Mehrere Einzelheiten rücken Stephanus in die Nähe des Mose. Beide tun Wunder (Apostelgeschichte 6.8; Apostelgeschichte 7.36), haben ein strahlendes Angesicht (Apostelgeschichte 6.15; 2. Mose 34.29-35) und legen vor widerspenstigen Menschen Zeugnis ab.
Paradoxerweise erscheint der Mann, dem vorgeworfen wird, sich gegen Mose zu stellen, als derjenige, der ihm am meisten gleicht.
Ein Nachahmer Christi
Die Parallele zwischen Jesus und Stephanus ist einer der bemerkenswertesten Aspekte des Berichts.
Wie Jesus:
- tut Stephanus Wunder (Apostelgeschichte 6.8);
- ruft er den Widerstand der Obrigkeiten hervor;
- wird er von falschen Zeugen angeklagt (Apostelgeschichte 6.13);
- steht er vor dem ;
- wird er beschuldigt, gegen den Tempel geredet zu haben (Apostelgeschichte 6.14);
- zeigt er eine tiefe Gelassenheit;
- befiehlt er seinen Geist dem Herrn (Apostelgeschichte 7.59; vgl. Lukas 23.46);
- betet er für seine Henker (Apostelgeschichte 7.60; vgl. Lukas 23.34).
Stephanus erscheint somit als der erste Jünger, der die Passion Christi auf besonders eindrückliche Weise nachvollzieht.
Der erste christliche Märtyrer
Der Tod des Stephanus markiert einen entscheidenden Wendepunkt im Buch der Apostelgeschichte. Sein Zeugnis eröffnet die lange Reihe der Gläubigen, die berufen sind, für ihren Glauben zu leiden.
Paradoxerweise wird sein Martyrium zum Ausgangspunkt der missionarischen Ausbreitung der Kirche (Apostelgeschichte 8.1-4). Der, der besiegt schien, wird so zu einem der von Gott erwählten Werkzeuge für die Erfüllung des von Jesus angekündigten Missionsprogramms (Apostelgeschichte 1.8).
Im Porträt des Stephanus stellt Lukas also einen Mann dar, der vom Heiligen Geist erfüllt, kraftvoll in seinem Zeugnis, treu bis in den Tod und tief seinem Meister gleichgestaltet ist. Als Gestalt des verfolgten Gerechten, als neuer Mose und als Nachahmer Christi erscheint Stephanus als eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten der frühen Kirche und als Vorbild des christlichen Zeugen, der bereit ist, sein Leben für das Evangelium hinzugeben.