ANX012

Karkemisch, die babylonische Expansion und Juda im Jahr 605 v. Chr.

Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. gerät Juda zwischen zwei Großmächte. Assyrien, das den Nahen Osten mehrere Jahrhunderte lang beherrscht hatte,…

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1. Juda zwischen Ägypten und Babylon

Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. gerät Juda zwischen zwei Großmächte.

Assyrien, das den Nahen Osten mehrere Jahrhunderte lang beherrscht hatte, bricht allmählich zusammen.

Babylon unter Nabopolassar und dann unter Nebukadnezar tritt als vorherrschende mesopotamische Macht an seine Stelle.

Ägypten versucht zugleich, seinen Einfluss auf Syrien-Palästina zu behaupten.

Juda ist dieser Auseinandersetzung unmittelbar ausgesetzt.

2. Der Tod Joschijas verändert die Lage Judas

König Joschija stirbt bei Megiddo, als er dem Pharao Necho begegnet (2. Könige 23.29-30; 2. Chronik 35.20-24).

Dieser Tod, der gewöhnlich auf das Jahr 609 v. Chr. datiert wird, bedeutet einen gewaltigen politischen Einschnitt.

Joahas, ein Sohn Joschijas, wird König, doch seine Regierung dauert nur drei Monate (2. Könige 23.31).

Der Pharao Necho setzt ihn ab und setzt über Juda einen anderen Sohn Joschijas ein, Eljakim, dessen Namen er in Jojakim ändert (2. Könige 23.33-34).

Jojakim besteigt also den Thron in einem Königreich, das unter ägyptischer Oberherrschaft steht.

3. Jojakim ist zunächst von Ägypten abhängig

Die Abhängigkeit Judas zeigt sich besonders in dem von Necho geforderten Tribut.

Der Bericht hält fest:

„Jojakim gab dem Pharao das Silber und das Gold; aber er schätzte das Land ein, um das Geld nach dem Befehl des Pharao zu geben.“ (2. Könige 23.35)

Diese Lage ist wesentlich, um die Ereignisse des Jahres 605 v. Chr. zu verstehen.

Wenn Babylon Ägypten schlägt, weicht nicht nur das ägyptische Heer zurück.

Das gesamte politische System, an das Juda gebunden war, wird in Frage gestellt.

4. Karkemisch: die große Auseinandersetzung des Jahres 605 v. Chr.

Jeremia liefert einen besonders wichtigen zeitlichen Hinweis:

„Über das Heer des Pharao Necho, des Königs von Ägypten, das am Strom Euphrat bei Karkemisch lag und das Nebukadnezar, der König von Babylon, im vierten Jahr Jojakims, des Sohnes Joschijas, des Königs von Juda, schlug.“ (Jeremia 46.2)

Karkemisch liegt am Euphrat, weit nördlich von Juda.

Die Schlacht findet also nicht in der Nähe von Jerusalem statt.

Sie stellt hauptsächlich die von Nebukadnezar geführten babylonischen Streitkräfte den ägyptischen gegenüber.

Ihre Bedeutung liegt in ihren regionalen Folgen.

5. Der Sieg von Karkemisch verändert das politische Gleichgewicht

Die Niederlage Ägyptens verringert erheblich seine Fähigkeit, seine Herrschaft über Syrien-Palästina aufrechtzuerhalten.

Babylon kann nun nach Süden vordringen.

Die kleinen Königreiche der Region müssen sich auf die neue beherrschende Macht einstellen.

Juda, das bis dahin von Ägypten abhängig war, ist damit unmittelbar betroffen.

Der Übergang von der ägyptischen zur babylonischen Herrschaft liefert den geschichtlichen Zusammenhang, in dem Daniel 1 spielt.

6. Karkemisch und Jerusalem sind nicht dasselbe Ereignis

Diese Unterscheidung muss genau eingehalten werden.

Jeremia 46.2 berichtet von der Niederlage des ägyptischen Heeres bei Karkemisch.

Daniel 1.1 erklärt:

„Nebukadnezar, der König von Babylon, zog gegen Jerusalem und belagerte es.“

Man darf also nicht schreiben, dass Daniel 1 die Schlacht von Karkemisch erzählt.

Karkemisch ist das große militärische Ereignis, das die babylonische Expansion ermöglicht.

Der Eingriff gegen Jerusalem gehört zur Phase der Ausdehnung dieser Herrschaft nach Süden.

7. Eher eine geschichtliche Abfolge als ein einzelnes Ereignis

Das Jahr 605 v. Chr. ist somit als eine Abfolge von Ereignissen zu verstehen.

Der allgemeine Ablauf lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

babylonischer Sieg bei Karkemisch → Rückzug des ägyptischen Heeres → babylonisches Vordringen nach Syrien-Palästina → Zusammenbruch der ägyptischen Herrschaft über mehrere Gebiete → Übergang Judas in die babylonische Herrschaftssphäre.

Daniel 1 verortet den Eingriff gegen Jerusalem in diesem allgemeinen Zusammenhang.

Diese Darstellung vermeidet es, mehrere aufeinanderfolgende Operationen zu einem einzigen militärischen Ereignis zu machen.

8. Der Eingriff gegen Jerusalem in Daniel 1

Daniel 1.1-2 berichtet:

„Nebukadnezar, der König von Babylon, zog gegen Jerusalem und belagerte es. Und der Herr gab Jojakim, den König von Juda, in seine Hand und einen Teil der Geräte des Hauses Gottes.“ (Daniel 1.1-2)

Der Text verbindet also drei Elemente:

ein Eingreifen gegen Jerusalem;

die Unterwerfung Jojakims;

die Wegführung eines Teils der Tempelgeräte.

Daniel 1.3-6 führt dann die jungen Judäer ein, die ausgewählt wurden, um am babylonischen Hof ausgebildet zu werden.

Daniel gehört zu dieser Gruppe.

9. Wie groß war das Ausmaß der Belagerung von 605?

Daniel 1 beschreibt die militärischen Operationen nicht im Einzelnen.

Das verwendete Verb zeigt an, dass Nebukadnezar gegen Jerusalem zieht und es belagert, aber das Kapitel erzählt weder eine allgemeine Zerstörung der Stadt noch die Zerstörung des Tempels.

Diese Beobachtung ist wichtig.

Die Belagerung von Daniel 1 darf nicht nach dem Muster derjenigen dargestellt werden, die einige Jahre später zur Zerstörung Jerusalems führen wird.

Der Bericht betont vor allem den Wechsel der Oberherrschaft und seine Folgen: Jojakim wird Nebukadnezar ausgeliefert, heilige Geräte werden überführt, und junge Judäer werden in die babylonische Welt geführt.

10. Jerusalem wird 605 v. Chr. nicht zerstört

Der Tempel besteht nach den Ereignissen von Daniel 1 weiter.

Auch die Stadt Jerusalem bleibt bewohnt und wird weiterhin von den Königen von Juda regiert.

Diese Kontinuität lässt verstehen, warum es danach weitere babylonische Eingriffe geben wird.

Das Jahr 605 entspricht also nicht der endgültigen Zerstörung des Königreichs Juda.

Es markiert vielmehr eine entscheidende Etappe im allmählichen Verlust seiner Unabhängigkeit.

11. Jojakim wird Nebukadnezar untertan

Das zweite Buch der Könige fasst diese Entwicklung zusammen:

„Zu seiner Zeit zog Nebukadnezar, der König von Babylon, herauf. Jojakim war ihm drei Jahre untertan; dann aber fiel er wieder von ihm ab.“ (2. Könige 24.1)

Dieser Hinweis bestätigt eine Zeit der Unterwerfung Jojakims unter Babylon.

Er stimmt mit dem allgemeinen Rahmen überein, den Daniel 1 darstellt.

Juda geht von der Abhängigkeit von Ägypten zur Abhängigkeit von Babylon über.

12. Der Aufstand Jojakims bereitet eine neue Krise vor

Die Unterwerfung unter Babylon bleibt nicht von Dauer.

Nach 2. Könige 24.1 fällt Jojakim nach drei Jahren der Abhängigkeit ab.

Diese Entscheidung trägt dazu bei, Juda erneut in eine äußerst gefährliche Lage zu bringen.

Das Königreich sieht sich nun einer babylonischen Macht gegenüber, die viel stärker ist als es selbst.

Die Ereignisse werden schließlich zu einem erneuten Eingriff gegen Jerusalem führen.

13. Die Verschleppung des Jahres 597 v. Chr.

Die nächste Krise ereignet sich unter Jojachin, dem Sohn Jojakims.

Nebukadnezar belagert Jerusalem, und der König ergibt sich (2. Könige 24.10-12).

Diesmal wird die Verschleppung viel umfassender beschrieben.

Der Bericht nennt den König, seine Familie, die Verantwortlichen, die Kriegsleute und die Handwerker (2. Könige 24.14-16).

Hesekiel gehört zur Welt dieser Verschleppung, wie die zeitlichen Angaben seines Buches zeigen (Hesekiel 1.1-3).

Die Verschleppung von 597 darf daher nicht mit derjenigen verwechselt werden, die mit Daniel am Anfang des Buches verbunden ist.

14. Die Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr.

Eine dritte große Etappe folgt unter Zedekia.

Nach einem erneuten Aufstand wird Jerusalem belagert (2. Könige 25.1-2).

Die Stadt fällt.

Der Tempel wird in Brand gesteckt.

Die Mauern Jerusalems werden niedergerissen (2. Könige 25.8-10).

Ein weiterer Teil der Bevölkerung wird verschleppt (2. Könige 25.11).

Diese Katastrophe ist der Endpunkt eines Prozesses, der mehrere Jahre zuvor begonnen hatte.

15. 605, 597 und 586: drei Etappen, die man nicht verwechseln darf

Die allgemeine Chronologie lässt sich also folgendermaßen darstellen:

Ungefähres DatumEreignisLage Judas
605 v. Chr.Karkemisch, dann babylonische Expansion; Zusammenhang von Daniel 1Beginn der babylonischen Herrschaft
597 v. Chr.Einnahme Jerusalems unter JojachinBedeutende Verschleppung
586 v. Chr.Endgültige Einnahme Jerusalems unter ZedekiaZerstörung des Tempels und der Stadt

Diese Unterscheidung ist unerlässlich, um Daniel 1 zu verstehen.

Das Kapitel gehört in den Anfang der babylonischen Herrschaft und nicht in die endgültige Zerstörung Jerusalems.

16. Daniel gehört also zu einer frühen Phase des Exils

Wenn Daniel 1 um 605 v. Chr. anzusetzen ist, gehören Daniel und seine Gefährten einer Phase an, die den großen Verschleppungen von 597 und 586 vorausgeht.

Sie werden unter den jungen Männern ausgewählt, die insbesondere aus der königlichen Familie und dem Adel stammen (Daniel 1.3-6).

Ihre Überführung hat somit eine offensichtliche politische Dimension.

Junge Angehörige der Eliten unterworfener Völker in Babylon auszubilden, ermöglichte es, sie in das Räderwerk des Reiches einzubinden.

Der Text betont jedoch stärker die religiösen und identitätsbezogenen Folgen dieser Lage als die genauen Verwaltungsmechanismen dieser Politik.

17. Die Überführung der Tempelgeräte hat besondere Bedeutung

Daniel 1 erwähnt nicht nur Gefangene.

Auch ein Teil der Tempelgeräte wird weggebracht:

„Er brachte sie in das Land Schinar, in das Haus seines Gottes.“ (Daniel 1.2)

Die Verbringung dieser Geräte hat eine starke symbolische Tragweite.

In der antiken Welt konnte ein militärischer Sieg als Sieg des Gottes des Eroberers über den Gott des besiegten Volkes gedeutet werden.

Daniel lehnt diese Deutung jedoch von Anfang an ab.

Nicht Nebukadnezar beherrscht das Geschehen letztlich:

„Der Herr gab Jojakim in seine Hand.“ (Daniel 1.2)

Der geschichtliche Bericht wird so unmittelbar zu einer theologischen Aussage.

18. Die Geräte von 605 tauchen in Daniel 5 sinnbildlich wieder auf

Die Überführung der heiligen Geräte ist keine folgenlose Einzelheit.

Jahrzehnte später lässt Belsazar die Gefäße aus dem Tempel von Jerusalem herbeibringen, um sie bei seinem Festmahl zu gebrauchen (Daniel 5.2-4).

Diese Entweihung geht der Ankündigung des Falls Babylons unmittelbar voraus.

Es besteht also eine wichtige literarische Verbindung zwischen Daniel 1 und Daniel 5.

Daniel 1 zeigt, wie Babylon die Tempelgeräte wegbringt.

Daniel 5 zeigt den letzten babylonischen König, wie er sie entweiht, als sein Reich an sein Ende kommt.

Die Geschichte des babylonischen Reiches wird so vom Schicksal dieser heiligen Geräte eingerahmt.

19. Die Rolle Ägyptens verschwindet nicht sofort

Der Sieg von Karkemisch ist ein entscheidender Wendepunkt, bedeutet aber nicht, dass Ägypten sofort aufhört, als politische Macht zu existieren.

Ägypten bleibt ein wichtiger regionaler Akteur.

Die Könige von Juda werden weiterhin versucht sein, bei ihm Unterstützung gegen Babylon zu suchen.

Diese Politik trägt zu den Spannungen bei, die zu den späteren Eingriffen Nebukadnezars führen.

Man muss 605 daher als Umkippen des Kräftegleichgewichts verstehen, nicht als plötzliches Verschwinden jedes ägyptischen Einflusses.

20. Das Jahr 605 erklärt den politischen Rahmen Daniels

Daniel kommt nicht infolge eines vereinzelten Ereignisses nach Babylon.

Seine Verschleppung gehört zu einem viel umfassenderen geopolitischen Wandel.

Der Untergang der assyrischen Macht, die Rivalität zwischen Ägypten und Babylon, der Sieg von Karkemisch und die babylonische Expansion bestimmen den politischen Rahmen, in dem seine Geschichte spielt.

Das Buch Daniel beginnt somit in dem Augenblick, in dem die persönliche Geschichte des jungen Judäers auf die der großen Weltreiche trifft.

21. Eine theologisch gedeutete politische Geschichte

Daniel 1 leugnet keineswegs die politischen und militärischen Ursachen des Geschehens.

Nebukadnezar hat ein Heer.

Ägypten wird besiegt.

Juda verliert allmählich seine Selbstständigkeit.

Aber der Erzähler fügt eine Dimension hinzu, die die politische Analyse allein nicht liefern kann:

„Der Herr gab Jojakim in seine Hand.“ (Daniel 1.2)

Der Text ersetzt also die Geschichte nicht durch Theologie.

Er bietet eine theologische Lesart der Geschichte.

Die Weltreiche handeln wirklich, aber für Daniel bilden sie nicht die letzte Erklärungsebene.

22. Die genaueste geschichtliche Formulierung

Um den Zusammenhang von Daniel 1 darzustellen, vermeidet die folgende Formulierung die hauptsächlichen Verwechslungen:

Im Jahr 605 v. Chr. erringt Nebukadnezar, der bei dem Feldzug von Karkemisch noch Kronprinz war, einen entscheidenden Sieg über das ägyptische Heer. Dieser Sieg eröffnet Babylon die Herrschaft über Syrien-Palästina. In der darauf folgenden Ausdehnungsbewegung geht Juda von der ägyptischen Abhängigkeit in die babylonische Herrschaft über. Daniel 1 verortet in diesem Zusammenhang einen Eingriff gegen Jerusalem, die Überführung eines Teils der Tempelgeräte und die Ankunft Daniels und mehrerer junger Judäer in Babylon. Dieser Eingriff ist von der großen Verschleppung von 597 und von der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. zu unterscheiden.

Diese Formulierung bewahrt den geschichtlichen Zusammenhang, ohne Karkemisch künstlich mit der Belagerung Jerusalems gleichzusetzen.

Zitierte Bibelstellen

2. Könige 23.29-30 ; 2. Könige 23.31 ; 2. Könige 23.33-34 ; 2. Könige 23.35 ; 2. Könige 24.1 ; 2. Könige 24.10-12 ; 2. Könige 24.14-16 ; 2. Könige 25.1-2 ; 2. Könige 25.8-10 ; 2. Könige 25.11 ; 2. Chronik 35.20-24 ; Jeremia 46.2 ; Hesekiel 1.1-3 ; Daniel 1.1 ; Daniel 1.1-2 ; Daniel 1.3-6 ; Daniel 1.2 ; Daniel 5.2-4.

Schluss des Anhangs

Das Jahr 605 v. Chr. bildet den eigentlichen politischen Hintergrund von Daniel 1.

Die Schlacht von Karkemisch ist dessen wichtigster militärischer Wendepunkt. Der babylonische Sieg bewirkt den Rückzug Ägyptens und eröffnet Nebukadnezar die Möglichkeit, seine Autorität auf Syrien-Palästina auszudehnen.

Juda, das bis dahin unter ägyptischer Herrschaft stand, tritt dann allmählich in die babylonische Einflusssphäre ein.

Daniel 1 verortet in dieser neuen Lage den Eingriff gegen Jerusalem, die Überführung bestimmter Tempelgeräte und die Anwesenheit Daniels und seiner Gefährten in Babylon.

Diese erste Phase muss jedoch von den späteren Katastrophen unterschieden werden.

605 v. Chr. markiert den Beginn der babylonischen Herrschaft; 597 v. Chr. entspricht einer viel bedeutenderen Verschleppung; 586 v. Chr. markiert die Zerstörung Jerusalems und des Tempels.

Diese Unterscheidung lässt den geschichtlichen Fortgang des biblischen Berichts verstehen.

Sie erlaubt es auch, die ganze Tragweite von Daniel 1 zu erfassen. Das Buch beginnt nicht nach dem völligen Verschwinden Judas, sondern in dem Augenblick, in dem die politische Ordnung des Nahen Ostens kippt und der junge Daniel in die Folgen dieses Wandels hineingezogen wird.

Die Geschichte Daniels beginnt so mit dem Aufstieg Babylons. Sie wird lange genug dauern, dass derselbe Daniel noch da ist, wenn dieses Reich seinerseits untergeht.